Julie Powell: Julie & Julia

Dinner und Desaster. Butter und Blog. Und: Wodka Gimlet!

365 Tage, 524 Rezepte und 1 winzige Küche, lautet der Untertitel zu dem wundervollen Buch, welches eher zufällig in meine Hände geriet, als über den gleichnamigen Film viele schmunzelten oder gähnten. Der Film klang nach Bridget Jones und ähnlichem Selbstverwirklichungs-Kram von Frauen um die 30. Nix für mich, dachte ich. Freunde waren anderer Meinung, schließlich würde es um Essen und Kochen gehen. So war ich denn zur Lektüre verdonnert.

Julie & Julia

Julie & Julia

Und tatsächlich geht es los mit den Gebärgedanken verwelkender Endzwanzigerinnen. Ich nehme mir vor, bis Seite 50 durchzuhalten und dann gegebenenfalls das Buch bei Nichtgefallen einer der gebärinteressierten Endreissigerinnen in meinem Bekanntenkreis zu überlassen. Ich habe Glück. Auf Seite 49 merke ich, ich werde das Buch zu Ende lesen.

Nun startet das „Julie/Julia Projekt“, in dem Julie Powell  den Kampf mit dem Kochbuch Mastering the Art of French Cooking(Vol. 1) von Julia Child aufnimmt, um innerhalb eines Jahres alle 524 Rezepte nachzumachen und auszuprobieren. Das Experiment wird von einer Berichterstattung in Form eines Blog begleitet, was Anno 2002 noch keineswegs eine derartige Selbstverständlichkeit darstellt, wie es heutzutage der Fall ist.

So bietet das Buch auf vielfältige Art und Weise Unterhaltung. 1. Berichte über erste unbeholfene Schritte aus den Anfangstagen des bloggens. 2. Pleiten, Pech und Perfektes im Umgang mit Rezepten der französischen Küche. 3. Herz, Schmerz und Drama, Baby, wenn die Ehe kriselt, die Familie nervt und Skrupel bekämpft werden müssen, wenn es um die Ermordung eines Hummers geht. 4. New York Fans haben ihre Freude bei der Vorstellung des Transports lebender Hummer in der U-Bahn und nicken verständnisvoll bei Einladungsabsagen von Bekannten, die Nachts nicht ins dubiose Queens kommen wollen.

Ich selbst wurde in der Berliner U-Bahn zuweilen seltsam gemustert. Nicht, weil ich ebenfalls mit diversen Hummern unterwegs gewesen wäre, sondern wegen meines lauten Gelächters an diversen Stellen in diesem amüsanten Buch. (Manchmal, ich muss es gestehen, aus purer Schadenfreude, wenn es um die Vorstellung einer ruinierten gebratenen Lammkeule Marinade au Laurier geht. Oder bei der heißen Diskussion im Blog, ob man unbedingt einen Reiskocher verwenden soll, oder um Himmels Willen bloß  nicht.)

Der originale Blog, der zu diesem Buch führte ist noch auffindbar:  http://blogs.salon.com/0001399/

Ein Fazit, mit dem man jedoch sorgfältig umgehen sollte, lautet: Mit einem Wodka-Gimlet ist alles nur halb so schlimm. Na, mal sehen…

Das Taschenbuch ist im Goldmann Verlag erschienen.

Clo Wine Bar (New York – Upper West Side)

Nehmen Sie Platz in einem Videospiel mit Weinversorgung. Sieht so die Weinkultur der Zukunft aus?

Eine umfangreiche Einweisung gefolgt von ersten unbeholfenen Übungen ist vonnöten, bevor der Gast dieser Wein-Bar souverän in der Lage ist, Bewegungen auszuführen, die irgendwo zwischen Dirigent und Hütchenspieler anmuten, um letztendlich an ein Glas Rebensaft zu gelangen.

Willkommen im Clo

Willkommen im Clo

Nach Betreten des futuristischen Rechtecks im vierten Stock des Time-Warner-Center am Columbia Circle an der südwestlichen Ecke des Central Park, tauscht der Gast seine Kreditkarte gegen eine Chipkarte und nimmt an einem langen Tresen Platz, der sich als Mitmach-Monitor entpuppt.

Der Monitor-Tresen

Der Monitor-Tresen

An jedem Platz wird ein Bildschirm aktiviert, an dem man sich iphonesque durch eine Weinkarte mit 100 Positionen winken kann. Suchfunktionen nach Farbe, Geschmack, Region oder Winzer können aktiviert werden und führen zu zahlreichen Informationen und Verkostungsnotizen der angebotenen Weine. Soviel Wein-Googeln (woogeln?) macht Durstig.

Das Kind im Manne ist selbstverständlich angetan und so versuche ich beständig die Technik zu perfektionieren, an der richtigen Stelle zu reagieren und die entsprechende Flascheninformation zu treffen. Highscore? Ein Knuff in die Seite erinnert mich daran, dass meine Begleitung Konversation erwartet. Lästig.

Treffer?

Treffer?

Der Wein? Achso! Der Bildschirm verrät eine Koordinate – in meinem Fall C5 – zum Gläser befüllen (statt Schiffe versenken). Nun trabt man mit Glas und Chipkarte an der Wand entlang, bis man den Weinkühler C5 gefunden hat. Karte hineinstecken, (Insert Coin,) Taste aktivieren, vier Unzen im Glas. Treffer. Eingeschenkt.

Die Zapfstelle C5

Die Zapfstelle C5

Ein preiswertes Vergnügen ist das Weintrinken im Clo nicht. Die meisten der Weine liegen bei $10 bis $12  für vier Unzen, was ungefähr 0,12 Liter entspricht. Ist es überhaupt ein Vergnügen auf diese Art Wein zu trinken? Immerhin ist eine Auswahl aus 100 offenen Weinen doch beachtlich. Auch Spitzengewächse sind darunter, wobei für ein Glas dann durchaus $80 fällig werden können.

Die Bar ist gut besucht, was womöglich an den umliegenden, hochpreisigen Spitzenrestaurants, wie Masa, Per Se, BarMasa und Porterhouse liegt, deren Kundschaft sich im Clo wunderbar zum Aperitif verabreden kann.

Hinter vorgehaltener Hand und nur auf ausdrückliche Nachfrage wird verraten, dass es doch auch eine gedruckte Karte gibt. Aber: Psst!

Game Over

Game Over

Time Warner Center, 10 Columbus Circle, vierte Etage, New York, NY 10019

Saphire Martini Lounge (Prenzlauer Berg)

Normalerweise sollte gerade ich mich unendlich freuen, wenn eine Cocktailbar sich sehr intensiv und leidenschaftlich dem Phänomen des Martini verschreibt. Wer mein Motto in der Kopfzeile gelesen hat, ist im Bilde.

Ein Martini ist etwas Großartiges. Neben meiner Wenigkeit haben das bereits etliche illustre Gestalten erkannt und der Nachwelt wundervolle  Weisheiten

Vorne Lounge, hinten Bar

Vorne Lounge, hinten Bar

hinterlassen. Der von mir hochgeschätze George Burns (von dem auch das Anti-Jogging-Statement stammt) meinte dereinst: „Happiness is a good martini, a good meal, a good cigar and a good woman…. Or a bad woman, depending on how much happiness you can stand.“

Normalerweise….

In der Saphire Lounge (genau wie in der Saphire Bar in der Bötzowstraße) verhält es sich ein klein wenig anders. Der Grund ist, dass mich die originelle Karte mit den zahlreichen ungewöhnlichen Eigenkreationen dazu verführt, ganz andere Dinge zu bestellen, als einen trockenen Martini.

Elegant-modern ist der look der Bar mit dem weißen Lounge-Bereich vor

Flaschenfestung

Flaschenfestung

dunklen lackierten Holzelementen. Acht Plätze stehen am Bartresen selbst zur Verfügung, mit Blick auf die riesige Flaschenauswahl (alleine die Ginsorten werden an die 60 sein). Vielleicht sind es etwas zu viele. Man hat beinahe den Eindruck, die Bartender verschanzen sich hinter einer gewaltigen Flaschenfestung.

Belagert man diese Festung freundlich, so ist die genussvolle Eroberung neuer, moderner Getränkekreationen mit spannenden Aromenvermengungen nicht mehr fern. Sonderbarste Namen regen zudem die eigene Fantasie an. Wie mag es zu einem Drink mit dem Namen Schneegestöber im Sperrgebiet gekommen sein, welche Geschichte verbirgt sich hinter Erlebnisse eines grünen Apfels und was war dem Barmann widerfahren, als er Abgrund an Bitterkeit kreierte? Ich schwanke zwischen einem Tanz der galaktischen Aliens und Ansichten des Schmerzes, entscheide mich für letzteren, den ich daraufhin mit Gin, Ingwer-Sour-Mix und Zitronengras Wodka erfahre. Daneben durfte ich lernen, dass Illusionen vom Glück nicht ohne Himbeeren auskommen.

Es ist zwischendurch einmal sehr erfrischend, ein modernes Barkonzept mit ungewöhnlichen Drinks mit sonderbaren Namen zu erleben. In letzter Zeit

Gehighlighted: Gin

Gehighlighted: Gin

gab es auf beiden Seiten des Atlantik immer mal wieder den x-ten Aufguss der Prohibitions-Ära und  etliche Bars widmeten sich beinahe ausschließlich dem Revival der vergessenen Klassiker à la Jerry Thomas und Savoy. Vor vier Jahren war es mächtig aufregend und selten, alte Drinks wie Aviation, Sazerac oder Pegu Club auf Cocktail-Menus lesen zu dürfen, heute sind das immer noch sehr schöne Drinks, sie sollten aber nicht zum alleineseligmachenden Ende der Fahnenstange erklärt werden, sonst sind sie irgendwann auch nur fader Mainstream und der Monkey Gland wird der neue Planters Punch.

Deswegen ist es gerade in Berlin unglaublich schön und wichtig, dass Bars mit neuen, sensationellen Kreationen wie beispielsweise Becketts Kopf, oder mit ungewöhnlichen, mutigen Atmosphären wie das Stagger Lee, für attraktive Abwechslung sorgen.  Dazu gehört eben auch die Saphire Lounge.

Und nächstes mal werde ich endlich wieder einen Martini bestellen. Vielleicht.

Sredzkistraße 62, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg, täglich ab 20 Uhr

www.saphirebar.de

Veröffentlicht in:  on 16. November 2009 at 23:30 Kommentare (4)
Tags: , , , , , , , , ,

Küchenparty im Fischers Fritz

Es gibt eigentlich immer einen Grund für eine Party. Beispielsweise Tradition. Traditionell feiert das Team vom Fischers Fritz mit seinem Chefkoch Christian Lohse Anfang November eine Küchenparty, bei der es ein klein wenig unkonventioneller zugehen darf, als sonst im alltäglichen Geschehen eines Zwei-Sterne-Restaurants.

Alljährlich werden Küchenmeister ins Hotel Regent gebeten, die ein Gericht zur Feier beitragen, dazu kommen Winzer, die einen ihrer Weine passend zum jeweiligen Gericht abstimmen. Die Gäste der Veranstaltung bekommen eine Schürze ausgehändigt, dürfen dann die Küche stürmen und sich an den

Die eigentlich heiligen Hallen

Die eigentlich heiligen Hallen

verschiedenen Stationen Teller mit Köstlichkeiten erobern, um sie dann genussvoll zu verzehren, nicht ohne vorher festzustellen, dass eine dritte Hand für das Weinglas sehr sinnvoll wäre. So wird balanciert, durchgeschlängelt, probiert, geneckt und genossen. Zuweilen erweist sich im Gewimmel die Schürze als durchaus sinnvolle Maßnahme.

Grund für eine Party kann ein Preis sein. Beispielsweise die Verleihung des Titels „Berliner Meisterkoch 2009″ an Christian Lohse. Sicher haben es sich die anwesenden Kochkollegen nicht nehmen lassen, zu einer weiteren Auszeichnung zu gratulieren. Aus Berlin haben Marco Müller von der Weinbar Rutz und Sonja Frühsammer aus Frühsammers Restaurant

Kulinarisches für Gaumen, AUgen und Nase....

Kulinarisches für Gaumen, AUgen und Nase....

mitgewirkt. Von Johann Lafers Stromburg war Martin Steiner herbei geeilt, Bernd Siener kam vom Bel Etage aus Marburg und Norbert Schu hatte in Hannover kurzzeitig Die Insel verlassen. Die angebotenen Bandbreite reichte von Jakobsmuschel bis Currywurst, von Käse bis Seezunge.

Grund für eine Party können die Sterne am Himmel sein.Die passenden Getränke brachten die anwesenden Winzer gleich mit. Bewährte Weingüter glänzten wie üblich, beispielsweise Wittmann und Dreissigacker aus Rheinhessen, Stodden von der Ahr oder Breuer und Josef Leitz aus dem Rheingau. Neuentdeckungen und Überraschungen wurden ebenfalls geboten. So konnten die Besucher einen sehr feinen Schaumwein aus Georgien kennen lernen, oder das elegante Cuveé „M“ vom Weingut Klumpp aus Bruchsal verkosten.

Nun gut, in diesen Tagen spricht die gastronomisch interessierte Welt von anderen Sternen in der Hauptstadt. Obwohl, eigentlich hatte das Verkünden der Sternerestaurants der 2010er Ausgabe des berühmt-berüchtigten roten Guide Michelin einen gewaltigen Hauch von Langeweile. Für manche überraschend war womöglich, dass Tim Raue keinen zweiten Stern erhielt oder eben das Christian Lohse noch auf den offiziellen dritten Stern warten muss.

Immerhin hat er seine zwei Sterne glanzvoll verteidigt und zahlreiche genussbegeisterte Stammgäste haben diesem fantasievollen und sympathischen Gaumengenie einen dritten Stern bereits virtuell vielfach aus vollem Herzen verliehen.

Obstauswahl Anno 2008. 2009 wurden zum Apfeljahr erkoren. Finanzkrise?

Obstauswahl Anno 2008. 2009 wurde zum Apfeljahr erkoren. Finanzkrise?

Wer braucht schon den Michelin. Seit im Jahre 2005 in der Benelux-Ausgabe ein Restaurant lobend besprochen wurde, welches zum Zeitpunkt des Erscheinens noch gar nicht eröffnet war, gab es durchaus ein klein wenig Unruhe bezüglich der kulinarischen Ratschläge der Reifenhersteller aus Clermont-Ferrand.

Grund für eine Party könnte demnach auch einfach ein neuer Satz Reifen sein. Diesmal vielleicht aus dem Hause Continental. Die sollen ja ziemlich Ahnung von Frühstück haben….

Fischers Fritz im The Regent Hotel, Charlottenstraße 49
10117 Berlin (Mitte)

www.fischersfritzberlin.com

Gefährlich: Gabelstapler im Getränkelager

In einer Moskauer Lagerhalle voll mit Wodka und Cognac hat sich ein Gabelstaplerfahrer ausgiebig den vorhandenen Produkten gewidmet.

Sturzbesoffen übernahm der Mann wieder das Steuer, um weiter zu stapeln. Man kann sagen, dass stattdessen eine Art Gegenteil eintrat. Eine Überwachungskamera nahm das Ergebnis der nachfolgenden Kettenreaktion auf und so kann der kleine Nachrichtenspot auf intensive Art mahnen: Nicht trinken und Gabelstapler fahren!

Laut der New York Times beträgt der Schaden $150.000, der Fahrer kam verblüffender Weise mit nur leichten Beinverletzungen davon.

Born to drink European

Sonnenuntergang über Berlin. Welchen wundervollen Ort wollen wir heute aufsuchen, um dem Szenario beizuwohnen? Lietzenseepark? Hoppetosse? Warschauer Brücke? Nein, heute soll es der Kreuzberg sein. Rasch noch eine Flasche Rotwein eingesteckt, damit es ein doppelter Genuss wird.

Belle Alliance - Mein Wein und ich

Belle Alliance - Mein Wein und ich

Oben angekommen zeigt sich schnell, diese Idee hatten außer uns nur ungefähr acht Dutzend andere Leute. Sie alle blicken romantisch seufzend gen Westen, allerdings nicht ohne vorher eine Flasche Wein, Bier, Limonade oder ein TetraPak mit gruseligem Inhalt – „Wein aus verschiedenen Europäischen Anbaugebieten“ – geöffnet zu haben.

Ab und an gesellen sich US-amerikanische Berlinbesucher dazu und erfahren so die getränketechnische Überlegenheit der alten Welt. Weil: Das ginge in USA so überhaupt gar nicht. Alkoholische Getränke in der Open-Air-Öffentlichkeit zu konsumieren ist dort ein Fall für den Staatsanwalt.

Beispiel New York. Neulich auf der Uferpromenade von Roosevelt Island. Ein cop  hat sich  bedrohlich vor einem älteren Mann aufgebaut, Hand an seinem Pistolenholster, breitbeinig. Wer ist der Mann? Mafia? Ein obszöner Entblößer? Ein Verwandter von Bin Laden? Nein, der eingeschüchterte Mitt-Sechziger entpuppt sich als niederländischer Tourist, der sich auf eine der Bänke am Ufer gesetzt hat – mit einer Dose BIER!

Wer nun meint, im Inneren von Lokalen wäre man sicher vor durstspezifischen Regularien, irrt. Vor allem am Sonntag Vormittag. Ganz New York geht heute zum traditionellen Brunch. Anders als bei uns hat Brunch dort nichts mit Buffet und all-you-can-eat zu tun, sondern ist im Wesentlichen ein ganz normales Frühstück, bei dem man lediglich länger in der Warteschlange vor dem Lokal verweilt, als zum essen darin. Nun haben die Amerikaner eine beneidenswert üppige Frühstückskultur (Eier auf 1001ne Art, Pancakes, Refill Coffee, Würstchen und Bacon, etc.) zu der sich originelle Variationen von Bloody Mary gesellen. Nur: Der Konsum derselben ist Sonntags vor 12 Uhr nicht gestattet. Es muß mein europäisches ich sein, welches ausgerechnet in New York, unbedingt jetzt, vor 12 Uhr,  eine Bloody Mary oder ein Glas Prosecco konsumieren möchte. Nix da!

Unglaublich unlustig rühre ich kurze Zeit später mit einer Selleriestange in einem Glas Tomatensaft herum. „Selbstverständlich können Sie gerne die alkoholfreie Version unseres Bloody Mary bestellen….“ verkündet der Kellner amerikanisch-heiter. Im Nachhinein kommt mir sein Lächeln ziemlich zynisch vor.

Beim Bummel durch einen Park in Brooklyn stoße ich auf weitere trinkrelevante Ermahnungen:

Kannte ich diesen Slogan nicht irgendwie anders?

Kannte ich diesen Slogan nicht irgendwie anders?

Und dann kam der Moment, an dem ich selbst so gerne zum Outlaw geworden wäre. Eichi Dillinger, der Eichinator oder Eichi the Kid. Sie alle hätten in diesem Moment gnadenlos ein Kellnerbesteck gezückt und ohne Mitleid die Weinflasche entkorkt. Brooklyn Heights, Sonnenuntergang, Uferpromenade und ein Blick auf die beleuchtete Skyline von Manhattan.

Doof: Poland Springs statt Napa Valley

Doof: Poland Springs statt Napa Valley

Wenn nicht hier und jetzt….aber da kommt schon der nächste Ordnungshüter mit entschlossenem Schritt und bedrohlicher Aura dahermarschiert. Ich verzichte feige aufs entkorken und sehne mich genau in diesem Moment zurück auf den Kreuzberg. Soooo unterlegen ist Berlin wohl doch nicht, im Vergleich zu NYC.

Und wenn es dann dunkel geworden ist am Kreuzberg, können wir gemächlich hinabsteigen und geraten getrost in eine gediegene Gaststätte zum gelassenen grübeln: Lieber einen geschmackvollen Gin Fizz im Galander, als gallige Güllebrühe in Guantanamo.

Jing Fong Restaurant (New York – Chinatown)

In einigen kulinarischen Belangen ist Deutschland immer noch Entwicklungsgebiet mit einem dringenden Bedarf an Nachhilfe und Fortschritten. In einer Stadt wie Berlin genießt man glücklicherweise den Vorzug, gerade asiatische Küche auf sehr gutem Niveau konsumieren zu dürfen. Längst heißt es nicht mehr: „Komm, wir gehen heute zum Chinesen!“ Sondern die Auswahl lautet differenzierter: „Ich habe heute Lust auf Kanton/Sezuan/Peking/Hongkong/usw.-Küche.“

Seit einigen Jahren haben einige chinesische Restaurants auch (eine meist kleine Auswahl) Dim Sum Gerichte auf Ihre Speisekarten gesetzt. Dim Sum sind kleine  Häppchen, die traditionell zu jeder Tageszeit zum Tee gereicht werden.

Yum Cha (=Tee trinken) und Dim Sum (=das Herz berühren) klingt nun beinahe nach einem ruhigen Pavillon im Garten mit einem leise plätschernden Brunnen und Klängen der Yueqin-Gitarre. Eine meditative Stimmung, die wir nun sowas von absolut über Bord werfen können, sobald wir den ersten Schritt ins Jing Fong im New Yorker Chinatown getan haben.

Mehr als ein Schritt ist auch gar nicht möglich, denn an der Rezeption warten dutzende Hungrige auf einen freien Platz im Restaurant. Wartenummern werden verteilt und später über eine knarzige Mikrofonanlage (Made in…?) ausgerufen.

Hungrige Blicke an der Rezeption

Hungrige Blicke an der Rezeption

Spontaner Jubel bricht aus, sobald die richtige Nummer ausgerufen wird. Irrtümlich könnte man meinen, auf einer Lotterieveranstaltung gelandet zu sein. Der frohe Glücksnummernbesitzer gewinnt auch tatsächlich, nämlich eine Freifahrt auf der hauseigenen Rolltreppe, die direkt in das Restaurant im Obergeschoss führt.

No. 106 hat eine Rolltreppenfahrt gewonnen.

No. 106 hat eine Rolltreppenfahrt gewonnen

Zwei Arten von Dim Sum Restaurant lassen sich unterscheiden. Einerseits diejenigen, bei denen man ganz normal aus einer Speisekarte aussucht und seine Bestellung aufgibt; andererseits solche, bei denen die diversen Gerichte auf Servierwägelchen herumgefahren werden und die Gäste spontan auswählen. Letztere sind meistens in recht stattlichen Räumen untergebracht, aber so etwas wie das Jing Fong hatte ich zuvor noch nicht erlebt.

Riesig und doch nicht groß genug

Riesig und doch nicht groß genug

Diese „Trolley-Dim Sum“ genannten Restaurants gelten  unter Kennern oft als die Zweitklassigen, was einleuchtet, da in den ersteren die Gerichte ja ganz heiß und frisch zubereitet an den Tisch kommen. Der Vorteil mit den Trolleys ist offenkundig der, dass (mehr…)

Luba Luft (Hamburg)

Wahrscheinlich habe ich einfach nur Pech gehabt. Einen blöden Abend erwischt. Einen miesen Augenblick abbekommen. Doofes Karma.

Cocktails? Irgendwie waren wir nicht willkommen an jenem sommerlichen Samstagabend. Dabei waren in unserer Runde weder abstruse Androiden, noch renitente Replikanten, ein Blade Runner war gar nicht nötig. Ein Kellner hätte gereicht.

Zu dem genialen Film Blade Runner gibt es eine Romanvorlage namens „Do Androids dream of electric Sheep?“ Darin kommt eine Operndiva namens Luba Luft vor, die vom Jäger in den „Ruhestand“ versetzt wird. Etwas divenhaftes hatte der Service durchaus, der uns 20 Minuten nicht beachtete. Ruhestand? Gut, es waren auch drei Tische besetzt und am Tresen plauderten zwei Kumpels der Barbesatzung eindringlich auf selbige ein. Da mag der Überblick schon einmal verloren gehen. Oder die Lust auf weitere Gäste. Nur: Wir hatten ein gleich-Geburtstagskind dabei, daher sollte irgend etwas trinkbares um Mitternacht zur Verfügung stehen. Als ich am Tresen aufschlug, um die Getränke-Entwicklung zu beschleunigen, wurde mir erläutert, dass es hier üblich wäre, am Tresen zu bestellen! Während ich darob zögerlich synapse, dass es ja dann gar nicht verkehrt ist, just am Tresen zu stehen, erklärt mir ein unwilliger Getränkebringer, es wäre schon okay, er würde gleich zu uns kommen. Renitent verhindere ich selbiges und zwinge ihn gnadenlos, meine Bestellung aufzunehmen. Harrrr!

Ich bestelle bei Bombe Nummer 20 (halt, stopp, ein anderer Film), endlich,  und sitze in einer loungigen Atmosphäre zwischen 70-er Jahre Raumschiff und trendigem Gerümpel. Es werde Licht in Benson, Arizona! Die Drinks kommen! Ein Tommy´s Margarita mit 1800 blanco, ein El Diabolo mit Johannisbeerlikör und ein Zacapa Old Fashioned. Die meisten Drinks liegen preislich um die 8,- Euro. Sie sind fantastisch gut. Es sind die besten Drinks, die ich in Hamburg außerhalb des Le Lion bisher hatte. Schade nur, dass die Art der Bedienung keine Lust gemacht hat, auf weitere Bestellungen. Dabei hätte es in der Karte so einige vielversprechende Optionen gegeben. Aviation, Gin Basil Smash, Tequila Sazerac, Kein Gin Tonic (heißt wirklich so: mit Birnenbrand, Thymian, Zucker, Zitrone, Eiweiß, Soda). Auch ein Schnitzel hätte ich bestellen können. Für 85.- Euro (Döner hätte nur 10.- gekostet, Fischplatte 20.-).

Es wurden beiläufig noch Gläser mit kleinen shots vor uns abgestellt, die mit einem White Russian Ähnlichkeit hatten. Sie wurden allerdings ebenfalls nicht kommuniziert, daher weiß ich nicht, ob es eine Entschuldigung war, oder ob die hier jeder bekommt.

Die Drinks waren wirklich sehr, sehr gut. Schade nur um die Defizite der Bartender-Gast-Kommunikation, bei der vermittelt wurde: „Du bist Luba Luft für mich!“

Am Brunnenhof 2, 22767  Hamburg-Sankt Pauli

www.lubaluft.de

Veröffentlicht in:  on 31. Oktober 2009 at 02:56 Kommentare (3)
Tags: , , , , , ,

Coledampf´s CulturCentrum (Wilmersdorf)

Die Zeitschrift „Der Feinschmecker“ behandelt in seiner Oktober-Ausgabe als Top-Geschichte das Thema Steak. Und das sehr eindringlich und überzeugend.

Neidvoll blickt man über den Atlantik, um festzustellen: Die Amis haben es besser. Dort gibt es a) besseres Fleisch, b) besser abgehangeneres und gereiftes Fleisch, c) mehr cuts (Schnitte, also Steakvarianten), d) bessere Steakrestaurants. Wehmütig denke auch ich an das riesige und perfekt gebratene Porterhouse Steak für drei Personen bei Peter Luger in Brooklyn; hmmm!

Ausgerechnet ein solches Porterhouse wird im Feinschmecker üppig bebildert erklärt und zubereitet, so dass das Wasser im Munde zusammen läuft. Ich möchte sofort ein Steak. Daneben ein weiterer Text, der subtil suggeriert, wie sich bessere Qualitäten auch in Deutschland durchsetzen, wenn nur genügend Leute mitmachen: Quälen Sie Ihren Metzger mit einigen Fragen und machen ihm klar, dass es in Deutschland durchaus anspruchsvolle Fleischesser gibt: Welche Rinderrasse? Ist es ein Weidetier? Wie wurde es gefüttert? Wie lange wurde das Fleisch gereift? Nasse oder trockene Reifung?

Eins ist klar: Ich möchte sofort mitmachen, Metzger quälen, bessere Steaks bekommen. Eine neue Pfanne muss her, wie mir der Artikel weiter verdeutlicht.

coledampf´s Uhlandstraße

coledampf´s Uhlandstraße

Zügig eile ich in das Geschäft, welches mir in allen Fragen rings um die Küchen- und Kochausstattung bislang jedes mal eine kompetente und sympathische Beratung und ein geniales Preis-Leistungs-Verhältnis bot. So auch dieses mal. Die Unterschiede zwischen Eisen- und Gußeisenpfannen werde mir erläutert, zu Pflege und dem ersten Einbraten bekomme ich eine Anleitung mit auf den Weg.

Sommerfest mit Glasharfe

Sommerfest mit Glasharfe

Das Ladenlokal in der Uhlandstraße (es gibt eine weitere schöne Filiale am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg) quillt über vor Utensilien. Mühlen, Messer, Gläser, Geschirr, Töpfe und Geräte; aber auch Öle, Salz, kulinarische Bücher, einen ordentlichen Hauswein oder Tischwäsche. Kenntnis und Engagement des coledampf-Teams haben viele Gastronomie-Profis von Kunden zu Freunden werden lassen, was man auch in diesem Jahr wieder an der illustren Runde zum Sommerfest hat sehen können. Die Philosophie der Betreiber Josephin Erig und Andreas Langholz lautet: Das beste Produkt zum besten Preis. Meine schwere Eisenpfanne der sauerländischen Firma Turk, mit einem Durchmesser von 26 cm habe ich für 26 Euro bekommen (28 cm hätten 28.- gekostet).

Genialer Laden. Mehr kochtechnische Beratung und Ausstattung kann ich mir gar nicht vorstellen. Gibt´s wahrschienlich auch gar nicht.

Uhlandstraße 54-55, 10719 Berlin (Wilmersdorf)

www.coledampfs.de

Brasserie Les Halles (New York – Gramercy)

„In meiner Heimat sagt jeder, ich hätte überhaupt kein Talent. Hier sagen sie manchmal dasselbe, aber wissen Sie, auf Französisch klingt es besser,“ sagt der erfolglose Maler Jerry Mulligan (Gene Kelly) in dem Film „Ein Amerikaner in Paris“ und geht erstmal einen Wein trinken.

Les Halles - Park Avenue

Les Halles - Park Avenue

Für einen Franzosen in New York, unabhängig vom Talent, lässt sich der Durst auf die Heimat und ihre Weine in der Brasserie Les Halles stillen. Die alten Möbel, das französische Dekor, sie laden ein zu einer kleinen Zeitreise in die alte Welt vor 50 oder gar 100 Jahren. Auch wenn gerade keine Musik läuft, meint man doch, ein fernes Akkordeon zu vernehmen und den Durft der Seine!? Den Duft der Seine? Unsinn! Fleisch. Wir riechen Fleisch! Steak ist das Herzstück von Les Halles, was ein Blick in den großen Kühlschrank oder die offene Küche bestätigt.

Das Lokal ist nicht unbekannt. Es ist quasi das Restaurant zum Buch, seit Anthony Bourdain einer der bekanntesten Fernsehköche der Vereinigten Staaten geworden ist. Am Herd steht er hier nur noch ganz selten, gerne schaut er aber abends auf ein Glas vorbei, wie uns die Bedienung versichert.

Tagsüber entspannt, abends besser reservieren.

Tagsüber entspannt, abends besser reservieren.

Die Weine sind fair bepreist, das Fleisch sah sehr einladend aus. Leider hatte ich morgens um neun noch keine diesbezügliche Ambition. Das Les Halles öffnet bereits um 7.30 Uhr in der Früh und ist daher eine charmante Frühstücksoption. Die morgentliche Karte ist zweigeteilt und bietet ein französisches und ein amerikanisches Segment. Teig vs. Eier könnte man es nennen. Ein köstliches Croissant und frisches Brioche mit hausgemachter Marmelade zum Kaffee in der Press-Kanne. Warum wird in Deutschland eigentlich so selten Brioche angeboten? Es kann so gut sein! Am Morgen jedenfalls bietet das Les Halles eine entspannte Atmosphäre mit einem guten, günstigen Frühstück.

411 Park Ave South, New York, NY 10016. Tägl. von 7.30 Uhr bis Mitternacht.

www.leshalles.net